Abneigung gegen andere Menschen

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Menschen mit sozialer Phobie und Depressionen meiden den Kontakt zu anderen Menschen. Das ist meist ein ‚Nicht können‘ und kein ‚Nicht wollen‘. Geschieht dies über einen längeren Zeitraum, dann kann sich eine Abneigung gegen Menschen entwickeln, im Extremfall sogar Menschenhass. Dies ist sehr problematisch und auch sehr selbstschädigend, da sich dadurch eine Abwärtsspirale in Gang setzt. Durch ein abwertendes Verhalten gegenüber anderen Menschen isoliert man sich nur noch mehr und wird noch einsamer. Wenn es mir besonders schlecht geht, habe ich auch Phasen, in denen ich alle Menschen ‚doof‘ finde. Für gesunde Menschen, die voll im Leben stehen, ist das oft befremdlich und schwer nachvollziehbar.

Das Problem ist meiner Meinung nach ‚menschengemacht‘ und nicht angeboren. Es entsteht als Folge negativer oder fehlender Beziehungserfahrungen. Die Auswirkungen sind besonders groß, wenn man dies als Kind erlebt oder wenn die Verletzungen lang andauern.

Wie entwickelt sich eine Abneigung gegen andere Menschen?

1. Negative Erfahrungen in der Kindheit
Ein Neugeborenes liebt alle Menschen erstmal aufrichtig. Es ist abhängig von dessen Zuwendung und Liebe. Erst wenn es Zurückweisung, Gewalt oder Lieblosigkeit erfährt, entwickelt es zunehmend Angst und Aggressionen gegenüber nahen Bezugspersonen. Wut auf die eigenen Eltern – das können oder dürfen Kinder oft nicht ausagieren. Als Folge wird die Wut weggedrückt oder im schlimmsten Fall gegen sich selbst gerichtet. Diese nicht ausgedrückte Wut, gärt dann innerlich und hat mit Sicherheit Auswirkungen auf weiteren zwischenmenschlichen Kontakt.

2. Selbsthass
Es gibt ja dieses Analogie-Prinzip, welches besagt, das äußere Zustände letztlich nur ein Spiegel des eigenen inneren Zustandes darstellen und umgekehrt. Das bedeutet am Ende: wenn Du sich selbst hasst, hasst Du deine Mitmenschen – wenn Du dich selbst liebst, liebst Du deine Mitmenschen. Menschen mit wenig Selbstwert und Selbstliebe sind innerlich sehr unzufrieden, sie hassen sich selbst. Blicken sie mit diesem inneren Zustand in die Welt, so übertragen sie ihren Selbsthass auf ihre Mitmenschen.

3. Verachtung
Menschen, die viel Demütigung erfahren haben, fühlen sich wertlos. In diesem Zustand retten sie sich selbst vor der Vernichtung, indem sie andere Menschen als noch wertloser betrachten. Sie schauen dann von ‚oben herab‘ auf die Mitmenschen, um sich irgendwie besser zu fühlen. Hierzu möchte ich auf einen sehr schönen Artikel von Dami Charf verweisen, der das Thema sehr gut erklärt: Verachtung – das heimliche Gefühl

4. Neid und Wegdrücken des eigenen Schmerzes
Das Gefühl von Neid entsteht meist beim Anblick glücklicher Menschen. Für sozial isolierte und depressive Menschen kann dies ein unerträglicher Anblick sein. Innerhalb von Gruppen fühlen sich betroffene Menschen oft einsam. Der Satz „Ich gehöre nicht dazu“ beschreibt dieses Gefühl ganz gut. In solchen Situation entsteht ein Bewusstsein darüber, was man im eigenen Leben verpasst. Das ist sehr schmerzlich. Dieser Schmerz möchte nicht gefühlt werden. Die innerliche Abwertung der ‚glücklichen‘ Menschen ist dann eine Art Selbstschutz, um die schmerzlichen Gefühle nicht fühlen zu müssen.

Wie zeigen sich die negativen Gefühle gegenüber den Mitmenschen?

Abneigung gegen Menschen spüre ich oft, wenn ich andere Menschen beobachte. Lachende Menschen lösen in mir eine Art Unverständnis aus. Ich frage mich dann: ‚Wieso lachen die jetzt?‘. Partys, Vergnügungsparks und alles was in Richtung Spaßgesellschaft geht, ist besonders schlimm. Auf mich wirkt das dann alles ‚hohl und sinnlos‘, ich verabscheue diese Menschen dann innerlich. Wenn ich in einer tiefen Depression stecke, bezieht sich das Gefühl von Verachtung gegen die gesamte Menschheit. Es gibt dann nichts Überflüssigeres auf der Welt als die Menschen. Ich sehe dann nur, wie der Mensch alles zerstört und überhaupt nichts Positives mehr.
Die Abneigung gegen Menschen ist bei mir nie mit unmenschlichem Verhalten verbunden. Im Gegenteil, ich bin sehr mitfühlend und leide mit, wenn andere Menschen leiden. Ich würde nie jemandem weh tun. Wenn jemand Hilfe braucht, dann bin ich die Allerletzte, die ‚Nein‘ sagt.
Ich empfinde aber dennoch oft diese stille Abneigung, die ich nach außen hin nicht zeige. Ich weiß, dass ich das im Grunde nicht bin. Es ist eine Auswirkung meiner langen Erkrankung. Das Wissen darum, stimmt mich optimistisch, dass sich das im Laufe der Heilung lindern wird. Ich sehe an diesem Punkt in den letzten Monaten schon viele positive Veränderungen.

Welcher Weg führt zurück zu den Menschen?

Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach der fehlende zwischenmenschliche Kontakt. Alles was die eigene Verzweiflung lindern könnte, jede Hilfe, jedes Angebot von Trost, jede Umarmung – all das ist mit zwischenmenschlichem Kontakt verbunden. Dieser Kontakt ist bei sozialer Phobie und Depression stark eingeschränkt. Jeder Rückzug und jede Isolation verstärkt den Selbsthass. Im schlimmsten Fall sieht man irgendwann den Suizid als einzigen Ausweg.

Der Weg in die andere Richtung ist für die betroffenen Menschen oft sehr schwer. Bei sozialer Phobie ist es die Angst vor Menschen, bei Depression die fehlende Motivation, weil man lieber allein sein möchte. Diese Menschen schaffen das meist nicht alleine und brauchen Hilfe von anderen Menschen. Es gibt mittlerweile viele gute Therapien. Leider ist die Nachfrage größer als das Angebot und die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind sehr lang.

Extrem wichtig finde ich auch die Aufklärung. Gesunde Menschen sehen bei den betroffenen Menschen oft nur das Außenbild: den Wunsch nach Isolation und vielleicht auch Arroganz. Das schreckt natürlicherweise viele Menschen ab und sie meiden den Kontakt. Die ’selbstgewählte‘ Isolation ist ein Schutz vor Verletzung. Um die Distanz zu halten, gibt es oft eine ganze Reihe von Abwehrmechanismen, z.B. Aggression, Arroganz, Schweigen oder Problemverleugnung. Viele Menschen suchen keine Hilfe oder wollen sich nicht helfen lassen. Das Angebot von Nähe lässt die selbsterrichtete Schutzmauer bröckeln. Das ist dann verbunden mit Angst vor erneuter Verletzung. Das Gefühl von Sicherheit schwindet und Nähe wird gleichgesetzt mit Gefahr. Für die Mitmenschen ist es oft sehr schwierig, an die betroffenen Menschen heranzukommen. Je größer die innere Not hinter der Fassade, desto größer die Abwehr. Helfende Menschen brauchen viel Geduld und ein Feingespür für die Grenzen des Gegenübers. Die betroffenen Menschen müssen gegen ihre Ängste ankämpfen und Nähe nach und nach zulassen. Es ist ein gegenseitiges aufeinander zugehen. Dieser Weg lohnt sich, denn positive Erfahrungen im Kontakt mit Menschen, das ist es, was heilt.

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