‚Mit mir stimmt etwas nicht‘


Dieses Gefühl ‚Mit mir stimmt etwas nicht‘, das habe ich schon mein ganzes Leben. Es ist eine Mischung aus ‚zu viel Denken‘ und ‚zu viel Wahrnehmen‘. Lange Zeit habe ich nicht gewusst, warum ich so bin. Heute sehe ich diese Eigenschaften in Zusammenhang mit dem Entwicklungstrauma. In diesem Kontext ergibt es einen Sinn, denn es handelt sich um klassische Traumafolgestörungen. Ein kleiner Teil mag vielleicht auch Veranlagung sein. Dieses ‚zu viel davon‘ macht es aber krankhaft.

Dissoziation – ‚Zu viel Denken‘

Damit meine ich endloses Gedankenkreisen, auch Grübeln genannt. Die Gedanken sind oft das Einzige, was ich von mir wahrnehme. Es ist ein endloses Widerkäuen von Problemen aller Art, ohne dabei eine Lösung zu finden. Oft ist es so, dass ich deshalb nächtelang nicht schlafen kann. Manchmal steht auch ein Zeitdruck dahinter, weil ich mit irgendetwas so schnell wie möglich fertig werden muss. Es ist so, als ob mein Überleben davon abhängt. Realistisch betrachtet, gibt es meist gar keinen Zeitdruck, ich erzeuge mir den Stress selbst. Wenn ein Gedanke abgearbeitet ist, dann steht schon der Nächste parat. Es scheint so, als ob es da eine endlose Warteschlange gibt. Nach außen hin wirke ich oft abwesend. Ich bin ‚irgendwo‘, aber nicht in meinem Körper und nicht im ‚Hier und Jetzt‘. Das sind dissoziative Zustände, die bei mir im Laufe der Zeit fast zum Dauerzustand geworden sind. Ich kann mich bewusst da rausholen, ich merke aber nicht wie ich wieder hineinfalle. Momente der Ruhe sind sehr selten. Das Gedankenkarusell lässt sich von außen nicht dauerhaft stoppen. Der Antrieb kommt von innen und das mit scheinbar endloser Kraft. Die Ursache liegt tief im Körper. Die traumabedingte Übererregung im Nervensystem ist meiner Meinung nach der Motor für die Produktion der vielen Gedanken.

Hochsensibilität – ‚Zu viel Wahrnehmen‘

Die eigentlichen Sinneswahrnehmungen Sehen, Hören, Riechen oder Schmecken sind bei mir normal ausgeprägt. Ich nehme aber dennoch viele Dinge wahr, die unter der Oberfläche ablaufen. Es ist vor allem ein sehr feines zwischenmenschliches Gespür. Ich bin ein aufmerksamer Beobachter und kann mich sehr gut in andere Menschen hineinfühlen. Ich spüre sehr schnell, wie es jemanden geht, vielleicht noch bevor sich diese Person selbst darüber bewusst ist. Wenn ich eine Gruppe beobachte, dann sehe ich oft voraus, wie sie sich verhalten wird.

In Zusammenhang mit Punkt 1 ‚zu viel Denken‘ führt diese Wahrnehmung dann dazu, dass ich mich und andere Menschen sehr genau analysiere. Ich kann stundenlang über vergangene zwischenmenschliche Begegnungen nachdenken. Ich interpretiere dann die subtilen Botschaften, die nicht ausgesprochen wurden. Besonders empfindlich reagiere ich auf negative Bemerkungen, das kreist dann sehr lange in meinem Kopf. Aber auch während der Interaktion mit Menschen hat die Hochsensibilität ihre negativen Seiten. Ich fühle mich sehr schnell überlastet und empfinde oft schon bei Kleinigkeiten viel Stress. Wenn ich beispielsweise von vielen Menschen umgeben bin, dann prasseln so viele Eindrücke auf mich ein, dass mich das total erschöpft und ich dann flüchte, weil es mir zu viel wird.

Für Traumatisierte ist es ganz typisch, dass sie ihren Körper nicht spüren. Die Grenzen zwischen der eigenen Person und der Umgebung sind kaum spürbar. Es gibt damit auch kaum Unterschiede in der Wahrnehmung von Dingen im innen und im außen. Die Gefühle von anderen Menschen fühlen sich an wie die eigenen Gefühle.
Hochsensibilität als Traumafolge steht vielleicht auch im Zusammenhang mit dem Wunsch nach Sicherheit. Es ist ein ständiges ‚Scannen‘ der Umgebung nach potentieller Gefahr. Es sind vor allem die negativen und bedrohlichen Dinge, die übermäßig wahrgenommen werden.

2 Comments

  1. Ich kenne das, was Du beschreibst, recht gut aus meinem eigenen Erleben. Zum einen der sagenhafte Input, der schnell zu viel wird und zu Reizüberflutung führt, daraus resultierend viel Rückzug und Zeit zum Verarbeiten, Analysieren, Durchdenken benötigt. Zum zweiten das Gefühl, selbst unter Tausend Menschen um mich herum mich allein, separiert, wie ein Alien in einer Glaskugel zu fühlen (dieses Gefühl beschreibt Laurence Heller auch gut in seinem Buch und erklärt es). Zum Dritten: Wenn ich all den Input durchdacht habe, verstehe ich meine Mitmenschen nicht mehr, kann nicht mehr nachvollziehen, warum sie sich so verhalten und empfinde – ganz ohne Arroganz – Abneigung, weil ich ihr Verhalten unangemessen, unethisch, verletzend, oberflächlich, egozentrisch (die Liste der negativen Eigenschaften ist lang) empfinde. Ich habe oft das Gespräch darüber gesucht. Die Menschen antworten durchweg, dass sie sich gar nicht so viele Gedanken darüber machen, sondern „einfach tun“ (was es für mich nicht besser macht). Das kann ich nicht und das will ich nicht. So bin und bleibe ich wohl blockiert, denke und analysiere, eh ich handle, handle lieber nicht … Da ist sie dann, die Starre. Automatisch.

    1. Oh ja, das mit der Abneigung gegen Mitmenschen beim Zuhören von Gesprächen kenne ich sehr gut. Ich behalte das aber immer für mich. Ich habe das Gefühl, dass ich oft die Einzige bin, die so empfindet. ‚Warum merken die nicht, wie platt und sinnlos das Gespräch ist?‘ – ist oft so ein Gedanke von mir. Als ich den Artikel ‚Abneigung gegen andere Menschen‘ geschrieben habe, wollte ich diesem Punkt auch mit reinbringen. Ich habe mir das aber nicht getraut, weil es vielleicht arrogant rüberkommt. Du hast das mit Deinem Kommentar sehr gut ausgedrückt. Es ist schön zu hören, dass es auch anderen Menschen so geht. Danke dafür 🙂

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