Selektiver Mutismus – eine Traumafolgestörung?

Ich bin mir bewusst, dass ich mit dieser Behauptung potentiell auf viel Widerstand stoße. In letzter Zeit habe ich mich intensiv mit dem Thema Trauma auseinandergesetzt und sehr viel gelesen. Nach und nach setzten sich alle Puzzleteile zusammen. Mutismus ist für mich ganz klar eine Traumafolgestörung. Mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine und ich möchte an dieser Stelle auf einen sehr interessanten Artikel der Trauma Beratung Leipzig verweisen. Die Forschung auf diesem Gebiet steckt noch in den Kinderschuhen und die Ursache für selektiven Mutismus ist auch in der Fachwelt nicht eindeutig geklärt.

Trauma als Ursache von Mutismus war vor vielen Jahren schon einmal in Diskussion. Diese Auffassung hat sich nicht durchgesetzt, da dies wissenschaftlich nicht belegt werden konnte. Die Traumaforschung hat aber gerade in den letzten Jahren viele Fortschritte gemacht, so dass ein erneuter Blick in diese Richtung sehr sinnvoll wäre. Trauma wird oft als Zustand nach einem einmaligen, einschneidenden Erlebnis gesehen. Bei selektiv mutistischen Kindern konnte man dies in den wenigsten Fällen vorfinden. Heute kennt man den Begriff Entwicklungstrauma. Die Symptome sind ähnlich wie bei einem einmaligen Schocktrauma, z.B. Dissoziation. Die Ursachen von Entwicklungstrauma sind vielfältig. Schwierige Schwangerschaft oder Geburt, Krankenhausaufenthalte oder Brutkasten, als dies ist für Babys traumatisch. Ungünstige Beziehungserfahrungen in den ersten drei Lebensjahren wirken ebenfalls traumatisierend. Eine überbehütende, ängstliche oder depressive Mutter reicht da schon aus.

Wenn der Begriff Trauma fällt, dann sehen sich viele Eltern angegriffen, verurteilt oder schuldig. Das ist sehr problematisch. Es geht in den wenigsten Fällen um schlimme Dinge wie Misshandlung oder Vernachlässigung. Oft sind es Dinge, die einfach passieren. Auch wenn Eltern ‚ihr Bestes‘ geben und ihr Kind liebevoll aufziehen, kann es zu Traumatisierungen kommen. Schuldzuweisungen helfen hier niemandem. Wichtig für die betroffenen Kinder ist, dass das Trauma erkannt wird und diese Möglichkeit nicht von vornherein ausgeschlossen wird.

Die mutistische Sprechblockade ist ein dissoziativer Zustand

Das Verhalten von betroffenen Kindern ist ein typisches Beispiel für traumabedingte Dissoziation. Wenn die Umgebung vom Nervensystem als sicher eingeschätzt wird, dann gibt es keine Mutismussymptome. Innerhalb der Familie fühlt sich das Kind für gewöhnlich sicher und es kann in diesem neurologischen Zustand der Sicherheit ganz normal reden und sozial interagieren.

Die Symptome treten immer dann auf, wenn das Kind nicht mehr in seiner vertrauten Umgebung ist. Das Nervensystem schätzt die Umgebung in diesem Fall als unsicher ein. Es kommt zu einer Überforderung und zu einer Dissoziation in Form von Sprechblockaden. Der Auslöser ist wahrscheinlich die Trennung von den Eltern. Das Kind erlebt dies neurologisch gesehen als lebensgefährlich. Wenn der Auslöser die Trennung von den Eltern ist, dann deutet dies auf Bindungsstörungen hin. Diese sind oft die Ursache von Entwicklungstraumata.

Nach meiner Erfahrung ist Mutismus ein ‚Nicht-Reden-Können‘, das ist mehr als nur Angst. Irgendetwas ist blockiert und man fühlt sich demgegenüber hilflos. Das ‚Nicht-Reden-Können‘ ist für das betroffene Kind unangenehm und peinlich. Für Erwachsene ist dieses Verhalten oft nicht ‚akzeptabel‘. Wenn dann noch Druck aufgebaut wird, mit Sätzen wie: ‚Nun rede doch. Du kannst es doch. Das ist doch nicht so schwierig‚, dann wird ein ganz fataler Kreislauf aus Angst und Verzweiflung in Gang gesetzt. Das Kind fühlt sich hilflos, denn die Sprechblockaden sind autonome Reaktionen des Nervensystems und damit nicht kontrollierbar. Irgendwann hat das Kind die Erkenntnis: ‚Ich bin falsch, mit mir stimmt etwas nicht‘ – so war es zumindest bei mir. Das ist dann die Basis für weitere psychische Erkrankungen.

Traumatherapie könnte mutistischen Kindern helfen

Betroffene Kinder werden oft zum Logopäden geschickt. Das halte ich für problematisch. Logopäden haben in der Regel keine psychologische Ausbildung, geschweige denn Erfahrung mit Traumatherapie. Im Grunde wird verhaltenstherapeutisch behandelt. Wenn der Mutismus früh erkannt wird und sich noch nicht verfestigt hat, kann dies helfen. Die Behandlungen sind aber in der Regel sehr langwierig und funktionieren nur, wenn es gelingt, eine sehr vertrauensvolle Beziehung zwischen Kind und Therapeut herzustellen. Meiner Meinung nach wird mit der Verhaltenstherapie das Grundproblem nicht gelöst. Häufig ist es so, dass ‚geheilte‘ Betroffene dann in der Pubertät andere psychische Erkrankungen entwickeln, z.B. Ängste gegenüber anderen Dingen oder Depressionen. Da das Trauma nicht gelöst ist, ‚plobben‘ die Probleme an anderer Stelle wieder auf.

Wenn ich heute Mutter eines betroffenen Kindes wäre, dann würde ich es mit körperorientierter Traumatherapie versuchen. Ich habe selbst erlebt, wie sich mein innerer Zustand und die Wahrnehmung der Welt durch Traumatherapie geändert haben. Ich denke ein mutistisches Kind braucht genau diesen Zustandswechsel für eine Heilung. Entscheidend ist das Gefühl von Sicherheit und zwar bis in die tiefsten Schichten des Nervensystems. Körperorientierte Traumatherapie setzt genau an diesem Punkt an. Fühlt sich das Kind von Grund auf sicher in dieser Welt, dann gibt es auch keinen Grund mehr für Sprechblockaden. Vor 40 Jahren gab es dieses Wissen und die Therapien noch nicht. Ich bin mir sehr sicher, dass mir das als Kind sehr geholfen hätte und mir die psychischen Folgeerkrankungen erspart geblieben wären.

4 Comments

  1. „Nicht-sprechen-können“ ist schon weitaus länger als Traumafolge bekannt, allerdings nicht unter dem Begriff „selektiver Mutismus“. Unter Mutismus wird immer (außer beim Mutismus im Rahmen von Schizophrenie) das durch Angst bedingte Nicht-Sprechen-Können subsumiert. Angst, etwas falsches zu sagen, Angst, ausgelacht oder bestraft zu werden, Angst, sich zu blamieren, Angst, die eigene Stimme zu hören usw., was sich dann verselbstständigt und zu einer generalisierten Angststörung/soz.Phobie/Mutismus wird. Im Rahmen von Traumafolgesymptomatik gibt es dissoziatives Erblinden und Ertauben (jeweils für Momente, nicht auf Dauer), Erstarren/Freeze/Sich-nicht-Bewegen-Können … und eben auch Nicht-Sprechen-Können, Akkomodationsstörungen u.v.a.m., was es im Rahmen einer massiven Sympathikusaktivierung (die für Dissoziation verantwortlich ist) so vorkommen kann. Im allg. Sprachgebrauch kennt man dieses Phänomen auch unter „Es verschlägt einem die Sprache“ – egal ob vor Schreck, aus Scham o.a., alles Sympathikusbedingt. Bei Entwicklungstrauma ist der Sympathikus ständig mehr oder weniger stark aktiviert und man daher mehr oder minder stark dissoziiert (nichts fühlen, wie betäubt usw.), was dazu führt, dass eben auch das Sprechen häufig erschwert ist oder gar nicht mehr geht.

  2. Liebe Wenke,

    ich bin baff 🙂

    Du wirst auch gleich merken, warum. Ich habe vor kurzem erst von der Thematik des Entwicklungstraumas gelesen und viele Dinge treffen auch auf mich zu.

    Allerdings komme ich nicht von der Richtung „Selektiver Mutismus“, sondern von der Richtung „Hochsensibilität“.

    Ich muss mich jetzt mal durch deinen Blog durchwühlen, damit ich ein Gefühl für dieses Thema bekomme.

    Herzlichen Dank für deine Erkenntnisse – ich werde den ein oder anderen Kommentar sicherlich noch hier lassen 🙂

    Ich möchte dich auch gerne in mein Wohnzimmer einladen – falls du Lust hast und Zeit findest:
    https://hochsensibel1753.wordpress.com/herzlich-willkommen/

    Alles Gute dir,
    Julia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.