Es fällt mir nicht leicht, diesen Text zu schreiben.
Nicht, weil ich unsicher wäre über das, was ich erlebt habe – sondern weil es für mich Neuland ist, hier über spirituelle Erfahrungen zu schreiben.
Ich bin atheistisch aufgewachsen. Spiritualität war für mich eher Suche oder Sehnsucht – etwas, das man tut, wenn man lange leidet, aber kein tragender Boden. An Gott oder Jesus habe ich nicht geglaubt, zumindest nicht bewusst. Umso ungewohnter ist es für mich, diese Erfahrung heute in Worte zu fassen.
Gleichzeitig gibt es eine tiefe innere Gewissheit. Das, was ich hier beschreibe, ist real. Es ist eine Erfahrung, die mich grundlegend verändert hat – so klar und eindeutig, dass sie nicht in Frage gestellt werden kann. Sie gehört zu meinem Weg, so wie alles andere, was ich auf dieser Seite teile.
Nach der Entfernung des Täterintrojekts wurde etwas möglich, das für mich ein Leben lang unerreichbar war: eine Öffnung zur Liebe. Dieser Text handelt von dieser Bewegung. Nicht als spirituelle Anleitung – sondern als persönliche Erfahrung, die mich heute trägt.
Ein System im Widerstand
Über viele Jahre war mein inneres Erleben von einem grundlegenden Widerstand geprägt. Gegen Nähe. Gegen Liebe. Gegen alles, was weich gewesen wäre. Ich war erschöpft, innerlich verhärtet und trotz vieler therapeutischer Wege wie eingeschlossen in einer dunklen, lebensfeindlichen Dynamik. Menschenhass, Abgetrenntsein und permanenter innerer Kampf gehörten ebenso dazu wie der Versuch, irgendwie weiterzumachen.
Erst nachdem das Täterintrojekt entfernt worden war, veränderte sich diese innere Ausgangslage. Nicht plötzlich, nicht spektakulär – aber entscheidend. Der permanente Widerstand ließ nach. Zum ersten Mal wurde es überhaupt möglich, Hilfe nicht nur zu suchen, sondern sie auch zuzulassen. Etwas anderes durfte geschehen.
Was sich daraus entwickelte, war keine Methode und keine Technik, sondern eine Erfahrung, die ich selbst nicht geplant oder herbeigeführt habe. Zum ersten Mal war da nicht nur das Wollen nach Veränderung, sondern ein inneres Nachgeben.
Eine erste Öffnung für Hilfe
Kurz nach der Entfernung des Täterintrojekts hatte ich eine Einzelarbeit im Rahmen systemischer Traumaarbeit. In dieser Aufstellungsarbeit werden keine Personen, sondern Begriffe aufgestellt, um innere Dynamiken sichtbar zu machen. Ich stellte den Begriff „Ich“ und den Begriff „Hilfe“ auf. Diese Sitzung fand an meinem Geburtstag statt. Für mich war das kein Zufall, sondern ein stiller Marker für einen inneren Übergang.
Der Impuls dafür kam nicht zufällig. In vorherigen Prozessen war mir immer deutlicher geworden, wie schwer es mir fällt, Hilfe überhaupt zu suchen oder anzunehmen. In meinem inneren System war tief verankert: Ich bin allein. Da ist niemand. Nicht nur kein Mensch – sondern grundsätzlich niemand, der hilft. Hilfe war innerlich nicht vorgesehen. Selbst wenn sie angeboten wurde, konnte sie kaum ankommen oder wurde innerlich abgewehrt.
In der Aufstellung zeigte sich sehr schnell eine massive Traumadynamik aus der Kindheit. Das, was dort spürbar wurde, war so überwältigend, dass klar wurde: Mit rein menschlichen Mitteln – mit Begleitung, Beziehung oder therapeutischem Verstehen allein – ist das kaum zu halten oder aufzulösen. Der Prozess führte an einen Punkt, an dem deutlich wurde, dass es etwas braucht, das über das Menschliche hinausgeht. Über den Begriff „Hilfe“ zeigte sich daraufhin eine andere Qualität von Unterstützung. Keine menschliche Hilfe, keine Methode und keine Intervention, sondern etwas Übergeordnetes, Tragendes – etwas, das ich nur als göttlich beschreiben kann.
Die Essenz dieser Arbeit war dann überraschend schlicht:
Ich soll beten – um Heilung und um Gnade.
Für mich war das kein religiöses Bekenntnis und keine bewusste Glaubensentscheidung. Es war eher ein inneres Anerkennen meiner Grenzen – das Eingeständnis, dass ich das nicht alleine tragen oder lösen kann.
Die Jesus-Erfahrung
Drei Tage später war ich in einem Selbsterfahrungsseminar, bei dem es um Vergebung und innere Befreiung ging. In einem Prozess kam ich sehr tief in den körperlich/emotionalen Schmerz meiner frühen Kindheit. Es gab keine Bilder, keine Geschichten – nur Körper, Angst und ein Gefühl von Ausgeliefertsein.
Die Einladung in diesem Moment war, zu vergeben. Und ich konnte es nicht.
Ich sagte innerlich nur: Ich kann das nicht. Bitte mach du das.
In diesem Moment erlebte ich eine innere Szene: eine Herde schwarzer Schafe – und Jesus, der kam und sie berührte. Mit jeder Berührung lösten sich die Schafe in Licht auf. Es war, als würde etwas erlöst, das ich selbst nicht erlösen konnte. Als würde Vergebung geschehen, ohne dass ich sie leisten musste. Was folgte, war kein emotionaler Überschwang, sondern eine tiefe, stille Liebe. Ich fühlte mich durchströmt von Licht, gehalten, gesehen. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl von Gnade.
Was ich dabei vor allem gespürt habe, war etwas sehr Körperliches. Diese Liebe blieb nicht abstrakt oder innerlich-bildhaft, sondern ging direkt ins Herz. Es fühlte sich an wie eine echte Herzöffnung – so intensiv, dass es schmerzhaft war. Als wäre mein Herz lange zu eng gewesen für das, was jetzt hineinströmte. Dieses Gefühl, dass Jesus in meinem Herzen ist, blieb nicht auf diesen Moment beschränkt. Es war noch Tage danach deutlich spürbar – warm, präsent, tröstend. Und auch heute kann ich immer wieder darauf zurückgreifen. Nicht als Vorstellung, sondern als Empfindung. Als etwas, das da ist und bleibt.
Was sich danach grundlegend verändert hat
Nach dieser Erfahrung war etwas in mir anders. Ein jahrelang präsenter Menschenhass – dieses Gefühl, nicht dazuzugehören, nur mitzuspielen – war schlagartig verschwunden. Ich fühlte mich plötzlich als Mensch unter Menschen. Anwesend. Verkörpert.
Was diese Veränderung für mich so besonders macht, ist ein Paradoxon: Sie hatte nichts von einem Abheben oder Entrücken, wie man es oft mit spirituellen Erfahrungen verbindet. Im Gegenteil – ich war danach so klar, so präsent und so tief im Körper wie nie zuvor. Es war, als wäre ich zum ersten Mal wirklich hier angekommen.
Auch im Kontakt mit anderen Menschen wurde das spürbar. Umarmungen fühlten sich anders an. Nicht leer, nicht gespielt, sondern echt. Mir wurde zurückgemeldet, dass etwas Neues da sei – etwas Weiches, Liebendes. Und ich konnte es selbst fühlen.
Diese Veränderung hatte nichts von Willensanstrengung oder bewusster Entscheidung. Sie war einfach da. Nicht als Flucht aus dem Menschsein, sondern als Rückkehr in es hinein.
Ein neuer Boden
Diese spirituelle Erfahrung ersetzt keine Traumaarbeit. Ich arbeite weiter an meinen Themen – es gibt Erinnerungen, die noch nicht zugänglich sind, und Prozesse, die noch viel Zeit brauchen werden.
Und doch hat sich die innere Qualität grundlegend verändert.
- Wo früher Kampf war, beginnt Demut.
- Wo Kontrolle war, beginnt Hingabe.
- Wo Widerstand war, wächst Vertrauen.
- Wo Ungeduld war, wächst Geduld.
Das ist kein einfacher Weg für mich. Kontrolle loszulassen fällt mir nicht leicht, ebenso wenig das Vertrauen, nicht alles verstehen oder steuern zu müssen. Gerade nach einem Leben, das so sehr von innerem Kampf geprägt war, ist diese Bewegung neu und herausfordernd. Aber sie fühlt sich richtig an.
Ich erlebe mich heute oft als geführt und getragen – auch dann, wenn ich nicht weiß, wohin es geht, auch dann, wenn Dinge sich seltsam oder unverständlich anfühlen. Dieses Gefühl ist nicht permanent. Ich verliere es, zweifle, falle zurück in alte Muster. Doch es ist stabil genug geworden, dass ich immer wieder dorthin zurückfinden kann. Und das verändert alles.
Abschluss
Ich bin nicht plötzlich eine gläubige Christin geworden, die alle Antworten kennt. Mein Glaube ist noch im Werden, tastend, fragend, lebendig. Ich bete, lese, zweifle, ringe – und vertraue Schritt für Schritt ein wenig mehr. Dass ich diesen Weg überhaupt gehen kann, erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit.
Für mich ist klar: Diese Öffnung zur Liebe war erst möglich, nachdem das Täterintrojekt entfernt worden war. Erst als der innere Gegenspieler nicht mehr wirksam war, konnte ich Kontrolle loslassen und mich überhaupt für Hingabe öffnen. Was ich heute lerne, ist weniger ein Tun als ein Zulassen.
Dieser Weg ist meiner.
Er ist kein Versprechen, keine Methode und keine Einladung zur Nachahmung.
Aber er ist wahr – und er trägt mich.