Verkörperung

Den Satz „Du musst erstmal im Körper ankommen“ habe ich in den letzten Jahren sehr oft gehört. Ich habe das lange Zeit ignoriert und konnte nichts damit anfangen. Ich war doch im Körper, wo denn sonst. Leider war das nur ein Gedanke, das Gefühl wirklich im Körper zu sein, kannte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich hatte keine Idee davon, wie es anders sein könnte. Erst in den letzten Monaten habe ich durch Körper- und Traumaarbeit die Erfahrung gemacht, wie es ist, den eigenen Körper wirklich zu spüren und zu bewohnen. Es ist ein ganz anderes Selbstgefühl, ich fühle mich lebendiger und leichter, viele Probleme und Sorgen verschwinden wie von selbst. Theoretisch hatte ich das Wissen um die Wichtigkeit von Verkörperung schon länger, aber erst bei der praktischen Erfahrung hat es wirklich Klick gemacht. An Verkörperung führt kein Weg vorbei, der Körper ist deine Basisstation – ich möchte in diesem Artikel meine Erfahrungen teilen.

Den eigenen Körper nicht spüren

Meinen Körper habe ich über 40 Jahre lang nicht richtig gespürt. Er war so eine Art notwendiges Übel, welches man zum Leben braucht. Er war zwar da und nützlich, es gab aber keine wirkliche Verbindung. Ich habe meinen Körper nicht geachtet und mich nicht um ihn gekümmert. Schlimmer noch, ich habe meinen Körper teilweise verachtet. Sport mochte ich schon als Kind nicht. Der Sportunterricht in der Schule war für mich das schrecklichste Unterrichtsfach überhaupt. Ich hatte keine Freude an Bewegung und wenn ich mich überwunden habe, dann war ich total schnell erschöpft.

 

Mein Körper gehörte nicht zu mir und ich spürte auch meine Körpergrenzen nicht. Dieses Gefühl ist schwer in Worte zu fassen. Es fehlt irgendwie die Verbindung zur Erde, es ist ein Zustand von Grenzenlosigkeit. Aber nicht unbedingt im positiven Sinne als Zeichen von Freiheit, sondern eher eine tiefe Verlorenheit, freischwebend im Universum, ohne Boden und ohne Basis. Damit einhergehend hatte ich immer das Gefühl anders zu sein, als der Rest der Welt, nicht zugehörig. Viele beschreiben diesen Zustand auch als: „sich wie ein Alien unter Menschen fühlen“. Es ist wie ein Leben in Beobachterposition, man ist nie wirklich dabei, weil sich alles getrennt anfühlt. Innerlich habe ich im späteren Verlauf auch viel Leere und Sinnlosigkeit gespürt. Ich konnte in diesem Zustand trotzdem sehr gut funktionieren, für die Außenwelt schien alles in Ordnung. Es war ein: „So tun, als ob ich da bin“.

Abspaltung vom eigenen Körper

Diese Abspaltung vom eigenen Körperempfinden nennt man auch Dissoziation. Wenn seelische Schmerzen zu groß werden, dann spüren wir das auch im Körper und weil wir das nicht ertragen können, schalten wir den Körper nach und nach ab. Das ist nie ein bewusster Vorgang, sondern eine autonome Schutzfunktion bei Überforderung. Bei sehr frühen Verletzungen kann es auch sein, dass wir erst gar nicht im Körper ankommen. Ich würde mich selbst in diese Kategorie einordnen. Meine Mutter bekam in der Schwangerschaft längere Zeit Valium gespritzt, dies ist ein starkes Beruhigungsmittel. Dies führte wahrscheinlich dazu, dass ich mich schon vorgeburtlich nicht spüren konnte.

 

Für Menschen, die wie ich unter latenter Dissoziation leiden, ist die Rückkehr in den Körper unabdingbar. Ohne Rückkehr in den Körper gibt es keine Heilung. Körpergefühl und Körperaktivität macht uns lebendig und holt uns aus der Abspaltung. Das System will das natürlich nicht und wehrt sich mit allen Mitteln dagegen. Es ist auf eine Art und Weise gefährlich, denn mit dem Spüren des Körpers kommt automatisch auch der Zugang zu den weggedrückten Gefühlen – der Körper wird assoziiert mit der Wiege des Bösen. Das ist oft nicht angenehm und schmerzhaft. Oft haben Menschen, die sich aus der Erstarrung/Dissoziation herausbewegen auch Angst vor der Intensität ihrer Energie und ihrer unterdrückten Aggression.

Körperarbeit als wichtigster Schritt der Heilung

Das Wissen über Verkörperung und dass ich in Bewegung kommen muss, war theoretisch schon lange da. Ich habe mich oft unter Druck gesetzt, weil ich vom Kopf her wusste, dass Bewegung wichtig ist. Es machte aber einfach keinen Spaß und je mehr ich mich gezwungen und überwunden habe, desto größer wurde der Widerstand und ich war einfach nur frustriert. Ich habe mich probiert in Yoga, Nordic Walking und Jogging und dann letztendlich nach ein paar Wochen immer wieder abgebrochen.

 

Was hat bei mir funktioniert?

  • TRE® (Tension & Trauma Releasing Exercises)
  • Seminare aller Art (am besten die, wo viel Körperarbeit gemacht wird)
  • Tanzen (5Rhytmen, Barfuß tanzen)
  • Körperspürübungen (Focusing, Radikale Erlaubnis)
  • Singen
  • Massagen aller Art

 

Auch ein Gegenüber ist wichtig für die Verkörperung. Ich habe bis auf TRE® die Dinge immer in Gemeinschaft gemacht. Es brauchte eine Spiegelung und Motivation im Außen. Der Spaßfaktor war ganz wichtig und entscheidend.

Zusätzlich zu der Bewegung, die ich selbst machen konnte, habe ich bewusst körpertherapeutische Angebote gesucht. Empfehlen kann ich zum Beispiel alle Angebote wo es um Entpanzerung geht, zum Beispiel SKAN Körpertherapie. Auch gibt es Menschen/Therapeuten die Blockaden im Körper energetisch wahrnehmen können und diese dann durch eine Kombination aus Berührung und Bewegung auflösen können.

Lebendig werden

Neben der direkten Arbeit am Körper gibt es auch Möglichkeiten über die Gefühlsebene den Körper zu aktivieren. Am besten dafür geeignet ist das Gefühl Wut. Wut ist Lebensenergie und hilft uns dabei lebendig zu werden. Bei Menschen in Erstarrung/Dissoziation ist Wut oft unterdrückt und im Extremfall überhaupt nicht mehr spürbar. Man kann sich dem annähern, indem man auch ohne Wut einfach mal auf Kissen einschlägt und erstmal nur schauspielert. Irgendwann kommt dadurch dann tatsächlich Energie in den Körper und das Gefühl von Wut wird auch wahrnehmbar. Ich empfehle auch sehr Wut-Seminare, da kann man das in geschütztem und professionellem Rahmen ausprobieren.

 

Bei mir persönlich gab es immer einen Anteil, der sich gegen Lebendigkeit gewehrt hat und nicht auf dieser Erde sein wollte. Körperlich hat sich dies in extremer Anspannung der Oberschenkel geäußert. Durch die Anspannung habe ich meinen Körper hüftaufwärts von der Erde getrennt. Das hat sich auch in fehlender Durchblutung und extremer Erschöpfung der Oberschenkel bei Anstrengung geäußert. Vielleicht gibt es auch bei Dir solch ein Körperteil, wo Du große Daueranspannung wahrnehmen kannst? Ich habe mich vorrangig diesen Körperteilen gewidmet, z.B. durch Selbstmassage, Beklopfen, Bewusstsein reinlenken, Licht und Liebe reinatmen oder ihm immer wieder den Satz „Du kannst jetzt loslassen“ reinschicken. Da gibt es viele Möglichkeiten.

 

Verkörperung ist sehr wichtig, für mich war es der wesentliche Schritt meiner Heilung und das ist mit Sicherheit auch noch nicht abgeschlossen. Ich persönlich habe mehr und mehr das Gefühl zu Hause zu sein und in meinem Haus fühle ich mich sicher. Aus dieser Sicherheit heraus kann ich Anderen begegnen. In Kontakt gehen, wenn man nicht im Körper ist, sprich nicht wirklich da ist, das ist schwierig. Es ist zwar möglich, bleibt aber irgendwie leer. Auch ist es nicht sinnvoll, sich in den Körper zu zwingen und ansonsten nicht an seinen Traumata zu arbeiten. Solange Körper und Nervensystem im Traumamodus leben, sprich das Leben als gefährlich einschätzen, wird es immer wieder zu Anspannungen oder Abspaltungen kommen.

Quellen und weiterführende Links

Entwicklungstrauma und Verkörperung – www.weltallferkel.deWie uns frühe Verletzungen und Entwicklungstraumata hindern uns in unserem Körper heimisch zu fühlen – Dami Charf

Der abgespaltene Körper – Dami Charf

Nicht im Körper sein, ist auch oft assoziiert mit Erstarrung und Dissoziation.

 

Über meine Erfahrungen hierzu berichte ich in diesen Blogartikeln:

Raus aus der Erstarrung
Nicht da sein